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14.09.2007

Technische Innovationen als Antwort

Deutsches Verpackungsinstitut

Verpackungen müssen vielen Anforderungen gerecht werden - allen voran die Pharmaverpackungen. Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass Medikamente, die ab Oktober 2005 zugelassen wurden, seit 1. September 2006 die Bezeichnung des Medikaments in Braille-Schrift auf der Verpackung tragen müssen.

Das fordert die Direktive 2001/83/EC (Humankodex), die in Deutschland mit der 12. Novelle des Arzneimittelgesetzes am 06.08.2004 in Kraft gesetzt wurde. Damit soll für die mehr als 150 000 Blinden und Sehbehinderten, deren Zahl sich jährlich um nahezu 30 000 vergrößert, die Handhabung von Arzneimittelpackungen einfacher und sicherer werden. Absehbar ist, dass auch andere verpackende Bereiche wie die Lebensmittelindustrie dem Beispiel folgen werden. Neben dem Produktnamen können noch zusätzliche Informationen, wie Darreichungsform, Losnummer und Verfallsdatum aufgeprägt werden, wobei beachtet werden muss, dass dadurch das Druckbild für Sehende nicht beeinträchtigt wird.

Die Bezeichnung "Brailleschrift" erhielt die Blindenschrift nach ihrem Erfinder Louis Braille, der 1825 im Alter von 16 Jahren eine ertastbare Schrift entwickelte, die Buchstaben, Zahlen und Satzzeichen aus unterschiedlichen Kombinationen von sechs Punkten enthält. Brailleschrift hat einen größeren Platzbedarf gegenüber der Schrift der Sehenden. Deshalb hat man in vielen Ländern - darunter auch in den deutschsprachigen - eine eigene Kurzschrift eingeführt, bei der Silben und ganze Wörter gekürzt werden. Man spart dadurch Platz und erhöht die Lese- bzw. Schreibgeschwindigkeit. Diese Schrift ist die gebräuchlichste Form der Brailleschrift.

Das Prägen von Kartonagen, die in großen Mengen als Verkaufsverpackung für Medikamente eingesetzt werden, ist nichts tatsächlich Neues. Beim Aufbringen der Brailleprägung auf diese Packungen entstehen allerdings technische Herausforderungen und Mehraufwand unter anderem dadurch, dass die Größe der Pharmaverpackungen nicht viel Spielraum für Informationen lässt. Trotzdem muss beim Prägen der Abstand zu den Rillungen beachtet werden, wodurch teilweise ein zusätzlicher Arbeitsgang erforderlich werden kann, da sonst nicht beides in Einklang zu bringen ist. Entsprechende Werkzeuge für die Blindenschrift müssen individuell hergestellt werden und sind kostenintensiv. Ein weiteres Problem kann bei Kartonagen die Höhe der Prägung sein. Die obere Grenze für die Punkthöhe sind 0,5 mm. Bei höheren Punkten kann der Karton platzen. Ebenso kann sich der "memory effect", der ein Zurückbilden der Prägepunkte bewirkt, auf die Qualität der Blindenschrift nachteilig auswirken.

Seit Inkrafttreten der 12. Novelle des Arzneimittelgesetzes hat die Verpackungsbranche jedoch im Zusammenhang mit der Blindenschrift bereits eine Reihe von Neuerungen und Verbesserungen eingeführt. So konnte die Firma Cito in Schwaig zwei Verfahren zum Patent anmelden, die eine Optimierung des Prägevorgangs bewirken. Das erste Verfahren betrifft das Flachbettstanzen. Hierfür wurden Matrizen hergestellt, die in die lasergeschnittenen Stanzformen montiert und zusammen mit den herkömmlichen Rillwerkzeugen verwendet werden können. Das zweite Verfahren ermöglicht eine Prägung während des Druckvorganges mittels RSP Inline-Finishing.

Für die Herstellung der Matrizen wurde ein Spezialmaterial mit metallischer Oberfläche, die farbabweisend beschichtet ist, und einer selbstklebenden Rückseite entwickelt. Die Matrizen werden auf der RSP-Standfolie positioniert und beim Druckvorgang eingeprägt. Die Prägung, die im Rotationsverfahren hergestellt wird, ist qualitativ hochwertiger und kostengünstiger, als die bisherigen Verfahren. Ebenfalls frühzeitig kam der Stanzformenhersteller Marbach mit rationellen Lösungen für die Blindenschrift-Prägung auf den Markt.

Stahlpatrizen dieser Firma zeichnen sich durch lange Lebensdauer und hohe Sicherheit aus. Neu ist auch ein von Nordson entwickeltes Verfahren, das die Punkte der Braille-Schrift auf thermoplastisches Verpackungsmaterial aufklebt. Mit zwei elektrischen Auftragsköpfen mit drei Modulen, einer dazu entwickelten elektronischen Steuerung für den Braille-Code und einem Problue-Klebstoff-Schmelzgerät, werden die Punkte auf den Packstoff aufgetragen. Die Karl Höll GmbH hat sich auf das Prägen von Blindenschrift auf Tuben im Schulterbereich mittels Fließpresswerkzeugen, die die entsprechenden Löcher enthalten, spezialisiert. Die österreichischen Metallverpackungsspezialisten Pirlo und Reichsfeld haben eine vollautomatische Prägung der Braille-Schrift auf den Rumpf von Metalldosen ermöglicht, wodurch nunmehr auch Gefahrgutverpackungen aus Metall mit entsprechenden Hinweisen für Blinde ausgerüstet werden können. Geprägte Etiketten stellt die Pago Etikettiersysteme GmbH schon längere Zeit her. Nunmehr wird die Blindenschrift mittels transparentem Relieflack aufgebracht, wodurch das Druckbild für Sehende nicht beeinträchtigt wird.

Aber auch das Lesen von Braille-Codes kann den Personen, die der Blindenschrift nicht mächtig sind, Schwierigkeiten bereiten. Deshalb wurde an der Fakultät "Computer & Electrical Engineering (CEE)" der Hochschule Furtwangen ein Programm entwickelt, das Blindenschrift mit einem handelsüblichen Scanner für Sehende entschlüsseln kann. Der Scanner liest das Bild des Braillecodes ein, schreibt den Text in Klarschrift auf den Bildschirm und vergleicht ihn mit einem Solltext. Die Software soll dort eingesetzt werden, wo Sehende Braillecodes entschlüsseln müssen. So muss die Qualitätskontrolle des Wareneingangs von Pharmaunternehmen die auf den Medikamentenverpackungen aufgebrachten Braillecodes auf ihre Richtigkeit überprüfen. Falsche Angaben könnten beim Anwender zu schweren gesundheitlichen Schäden führen.

Das Verfahren beruht darauf, dass sich durch die versetzte Anordnung der Lichtquelle und des Zeilensensors des Scanners beim Scannen an einer Seite der Braillepunkte Schatten ausbilden. Da die Blindenschriftpunkte halbkugelförmig ausgeprägt sind, haben diese Schatten ganz besondere Charakteristika. In einem mehrstufigen Bildverarbeitungsprozess lassen sich die charakteristischen Stellen vom Aufdruck der Packung isolieren.

Das Programm lokalisiert zunächst die einzelnen Braillepunkte und sucht dann gerade Linien, die durch möglichst viele Punkte laufen. Dabei entsteht eine Gitterstruktur, in der jeweils x3 Gitterpunkte zu einem Braillezeichen gehören. Die Anzahl und Anordnung der einzelnen Braillepunkte entspricht einem einzelnen Buchstaben oder Sonderzeichen.


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